
Ajinomotos Marke Atlr.72® verkauft seit 2025 ihre Mochelie™-Törtchen in Singapur als erstes Gebäck mit dem neuartigen Solein-Protein von Solar Foods. Copyright: Solar Foods
Das vergangene Jahr war keines der großen Schlagzeilen über alternative Proteine – und vielleicht war es gerade deshalb ein wichtiges Jahr für Food Biotech, also für die Biotechnologie hinter den Lebensmitteln und Zutaten, die wir kennen und mögen. Während die Branche mit einem schwierigen Finanzierungsumfeld kämpfte, wurden im Hintergrund Zulassungen erteilt, Pilotlinien aufgebaut und neue Kooperationsmodelle erprobt. Kurz gesagt: Aus Schlagzeilen wird Infrastruktur. Frederieke Reiners leitet bei GEA den Bereich New Food. Mit ihrem Team arbeitet sie dort, wo Biotechnologie auf industrielle Lebensmittelproduktion trifft. Im Gespräch nimmt sie uns mit auf eine Weltreise des Food Biotech in sieben Fragen.

Frederieke Reiners, Vice President New Food, GEA, beim EU-Roundtable “Closing the Food Innovation Gap” im November 2025 in Brüssel, Copyright: Ministry of Future Affairs/Nicoline Rodenburg
Ich würde sagen: Die Stimmung hat sich gedreht, aber die Richtung stimmt. Der große Hype um alternative Proteine ist vorbei, die Finanzierung ist selektiver, einige Vorreiter mussten aufgeben. Gleichzeitig sehen wir, dass Food Biotech in die nächste Phase eintritt: weg vom „Moonshot“, hin zum Teil der Lebensmittel-Infrastruktur.
Drei Kräfte treiben das: Erstens Biotechnologie und Prozess-Effizienz – Fermentations- und Zellkulturprozesse, die Ausbeuten steigern und Kosten sowie Energie- und Wasserverbrauch real nach unten bringen. Zweitens Kapital und Industrie – Unternehmen, die sehr genau prüfen, in welche Plattformen sie investieren. Und drittens Regulierung – Behörden, die konkret werden, statt nur über Novel Foods zu sprechen. In dieser Schnittmenge entscheidet sich, Technologien den Sprung in die Lebensmittelproduktion schaffen.
Für mich ist es ein Mix von einzelnen Meilensteinen und Trends. Präzisionsfermentation wird erwachsen: Start-ups und große Player arbeiten an kontinuierlichen Prozessen, an besser steuerbaren Stämmen und daran, Energie- und Wasserbilanzen drastisch zu verbessern – bis hin zu Konzepten für energie- oder wasserpositive Fabriken. Gleichzeitig entstehen neue Plattformen, die Abfallströme oder CO₂ als Rohstoff nutzen.
In der Zellkulturforschung gab es spannende Arbeiten zu stabileren Zelllinien und günstigeren Medien – das klingt trocken, ist aber entscheidend für Kosten und Skalierung. Und drittens verschiebt sich der Blick: Weg vom Endprodukt „Burger im Regal“, hin zu Food-Biotech-Bausteinen – Proteine, Fette, Farbstoffe, funktionale Zutaten –, die in bekannten Lebensmitteln landen. Genau da kommt unser klassisches Anlagen-Know-how ins Spiel: Aseptik, Downstream, Wärmerückgewinnung, Trocknung – all das entscheidet darüber, ob ein gutes Laborergebnis ein tragfähiges Geschäftsmodell wird.

R&D
Asien-Pazifik leuchtet derzeit sehr hell. In China passiert enorm viel – von Novel-Food-Entscheidungen für fermentationsbasierte Proteine bis hin zu Pilotlinien für kultiviertes Fleisch. Singapur und Australien verstehen Food Biotech ganz bewusst als Teil der Lebensmittel- und Sicherheitspolitik. Und in Japan und Südkorea entstehen Biomanufacturing-Hubs, die klassische Industrieerfahrung mit neuer Biotechnologie verknüpfen.
In Nordamerika liegt der Fokus stark auf Bioplattformen und Ingredients: Präzisionsfermentations-Proteine gehen in Supermärkte, Designerfette und Gas-Fermentation werden hochskaliert, und gleichzeitig tobt der politische Streit um kultiviertes Fleisch. Europa ist zögerlicher, aber wir sehen wichtige Signale – von neuen Bioökonomiestrategien über Forschungsprogramme bis hin zu Pilotfarmen, die zeigen, wie Landwirte in die Zellkultur-Wertschöpfung eingebunden werden können. Entscheidend ist: Überall dort, wo Biotech nicht als Nische, sondern als Infrastruktur gedacht wird, bewegt sich etwas.
Zunächst: Wir erleben eine Bereinigung, keinen Zusammenbruch. Die Investitionen liegen deutlich unter den Boomjahren, aber Kapital fließt weiter – vor allem in Modelle mit klarer industrieller Logik, zum Beispiel Präzisionsfermentation für Proteine, Fette und andere hochwertige, funktionale Zutaten.
Der Sprung von Pilot- zu Großanlagen in einem so jungen Feld ist anspruchsvoll. Es braucht belastbare Zwischenschritte, in denen Biologie, Prozessführung und Business Case zusammenwachsen – genau dafür haben wir unsere Testzentren in den USA und Deutschland gebaut.
Klar ist auch: Zelluläre Landwirtschaft ist kapitalintensiv und braucht Partner mit langem Atem. Hier kommen CDMOs ins Spiel – spezialisierte Entwicklungs- und Lohnhersteller, in deren Infrastruktur sich Unternehmen einmieten können, statt sofort selbst Millionenbeträge in Edelstahl zu investieren. Start-ups können dadurch erste Produkte im kleineren Maßstab auf den Markt bringen, ihre Marke aufbauen und erste Umsätze erzielen, bevor sie eigene Anlagen errichten. Ohne ein breiteres Angebot solcher CDMOs wird New Food in vielen Regionen nur schwer auf die nächste Stufe kommen.

In Asien hat Australien mit der ersten Zulassung für kultiviertes Fleisch nach Singapur gezeigt, dass die Region bereit ist, über Pilotprojekte hinauszugehen. China nimmt das Thema Biomanufacturing sehr ernst – von politischen Programmen und regulatorischen Initiativen rund um Biotechnologie und fermentationsbasierte Proteine bis hin zu großen Programmen für Fermentations- und Zellkulturkapazitäten. Spannend sind auch Länder wie Brasilien, die ihre Novel-Food-Regeln modernisiert und ausdrücklich auf Zellkultur und Fermentation ausgelegt haben.
In den USA ist das Bild gemischt, aber für Food Biotech hoch relevant. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat bereits mehrere präzisionsfermentierte Milchproteine über den GRAS-Prozess („generally recognized as safe“, ein vereinfachter Zulassungsweg) zugelassen. Solche Zutaten landen in Sporternährung und „tierfreien“ Milchprodukten. Zugleich zeigen politische Debatten über kultiviertes Fleisch und Vorhaben wie der im US-Kongress diskutierte BIOSECURE Act – ein Gesetzesvorschlag mit strengen Auflagen für bestimmte Biotech-Kooperationen, vor allem mit China –, wie schnell sicherheits- und geopolitische Fragen Biotech-Wertschöpfungsketten verändern können.
In Europa sehen wir ebenfalls gemischte Signale. Der neue Biotech Act – ein EU-Paket zur Stärkung der Biotechnologie – erweitert zwar die Beratung für Novel-Food-Antragsteller, schließt aber im ersten Paket Novel Foods ausdrücklich von den geplanten regulatorischen Sandboxes aus. Gerade diese Testräume wären wichtig, um neue Technologien gemeinsam mit den Behörden zu erproben und Standards zu entwickeln. Gleichzeitig gibt es bereits Diskussionen über einen zweiten Pfeiler, der Food-Anwendungen einschließen könnte. Gelingt das, könnte der Biotech Act Regulierung von einem Engpass zu einem Standortvorteil für Food-Biotech-Investitionen machen.

Kurzfristig werden die wenigsten Menschen sagen: „Ich esse heute Food Biotech.“ Sie merken eher, dass vertraute Produkte besser werden oder neu auftauchen. Milchalternativen mit besserem Proteinprofil dank präzisionsfermentierter Molke. Schokoladen oder Backwaren mit neuen Fetten, die Kakao oder Palmöl teilweise ersetzen. Fertiggerichte, Snacks und Sporternährung, die mehr Protein bei weniger Zusatzstoffen liefern.
Spannend ist die Verbindung zu Abnehm-Medikamenten und der Longevity-Debatte: Wenn Menschen weniger essen, aber höhere Ansprüche an Sättigung und Nährwerte haben, rückt die Frage nach intelligenten Kalorien in den Mittelpunkt. Biotechnologie im Lebensmittelbereich kann hier helfen, Proteine, Fette und funktionale Inhaltsstoffe so zu designen, dass sie Gesundheit und Nachhaltigkeit besser ausbalancieren – ohne dass der Genuss leidet.

Führen werden diejenigen, die Biotechnologie nicht isoliert denken, sondern als Teil ganzer Lebensmittelsysteme. Das sind zum einen Start-ups und Forschungsteams, die neue Plattformen bauen – von Gas-Fermentation über mycelium-basierte Proteine bis hin zu Zellkulturen für Fleisch, Fisch oder Spezialfette. Zum anderen sind es etablierte Lebensmittel-, Agrar- und Technikunternehmen, die ihre Infrastruktur öffnen und gemeinsam mit diesen Pionieren skalieren.
Unsere Rolle sehe ich sehr klar: Wir bauen die Produktionssysteme hinter diesen Lebensmitteln – damit Lieferketten verlässlich, effizient und mit möglichst wenigen Antibiotikaeinsätzen funktionieren. Dafür bringen wir die Erfahrung aus 145 Jahren Lebensmittel- und Prozesstechnik mit, vom Milchwerk bis zur Brauerei. In Technologiezentren helfen wir, Biologie und Ingenieurwesen zusammenzubringen – mit Blick auf Energie, Wasser, Kreisläufe und Kosten. Wenn uns das gemeinsam gelingt, wird Food Biotech nicht das Gegenteil von Landwirtschaft, sondern ein zusätzlicher Baustein: für Lebensmittel, die wir gerne essen, und für ein Ernährungssystem, das bei wachsender Weltbevölkerung innerhalb planetarer Grenzen bleibt.