25. Mai 2026
Der Aufstieg von GEA in den DAX war ein wichtiger Meilenstein, aber nicht das Ende der Transformation des Unternehmens. In einem Gespräch für das aktuelle GEA Sustainability Factbook erörtern CEO Stefan Klebert und Vorstandsmitglied Nadine Sterley, wie Nachhaltigkeit Teil der Geschäftsstrategie von GEA wurde und warum Menschen, Kultur und KI für die nächste Phase des Unternehmens entscheidend sein werden.

Nadine: Stefan, wenn du heute auf das Jahr 2019 zurückblickst: hättest du dir damals vorstellen können, dass wir bis 2025 in den DAX aufsteigen würden?
Stefan: Um ehrlich zu sein, nein. Das Vertrauen des Kapitalmarktes war erschüttert. Ein Einstieg in den DAX kam nicht infrage. Aber ich war vom ersten Tag an überzeugt, dass dieses Unternehmen enormes Potenzial hat: technologisch, in seinen Märkten, aber vor allem in seinen Menschen. Wir mussten dieses Potenzial nur freisetzen und Nachhaltigkeit strategisch zu einem Alleinstellungsmerkmal entwickeln.
Nadine: Was mich im Nachhinein am meisten freut: Genau das hat funktioniert. Von Anfang an haben wir unsere finanzielle Entwicklung bewusst mit unserer Nachhaltigkeitsagenda verknüpft. Als ich zu GEA kam, war Nachhaltigkeit eher ein Nebenthema. Heute ist sie ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Geschäftsstrategie.
Stefan: Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Davos 2020 hat wichtige Impulse geliefert.
Nadine: Das war der entscheidende Moment. Du kamst vom Weltwirtschaftsforum zurück und warst überzeugt von der Notwendigkeit eines wirklich ambitionierten Nachhaltigkeitsprogramms. Ich habe dich damals ganz direkt gefragt: Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie ernst nimmst du Nachhaltigkeit als strategische Priorität? Deine Antwort war: „Mache eine Elf daraus.“ Da wusste ich: Das war nicht nur Show.
Stefan: Dieses Bekenntnis gilt nach wie vor und ist ein Grundprinzip unserer Strategie. Wer in Sachen Nachhaltigkeit etwas bewegen will, muss über das Erwartete hinausgehen. Alles andere reicht nicht aus. Wer nur der Masse folgt, wird zurückbleiben.


Stefan Klebert
CEO, GEA
Nadine: Diese Elf ist zu einem Symbol geworden. Sie gab sowohl den Ehrgeiz als auch das Tempo vor. Dies führte zu konkreten Schritten: Zunächst wurde eine Klimastrategie entwickelt, dann eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie. Die Wirkung stellte sich schnell ein: bessere ESG-Ratings, größeres Interesse der Investoren und eine spürbar höhere Sichtbarkeit.
Stefan: Was mich am meisten bewegt hat, war die Resonanz unserer Teams. Mitarbeitende, die ich nicht einmal persönlich kenne, schreiben mir, dass sie stolz darauf sind, bei GEA zu arbeiten. Denn ‚Engineering for a better world‘ ist eine Philosophie, nach der wir leben. Und deshalb war es absolut sinnvoll, all dies strukturell auf Vorstandsebene zu verankern.
Nadine: Mit ‚People & Sustainability‘ gehen wir diesen Schritt. In meinem Ressort vereinen wir ökologische und soziale Themen, Unternehmenskultur und Mitbestimmung. Zusammen mit den Bereichen Governance, Compliance und Legal entsteht so ein ganzheitlicher Rahmen, der deutlich macht, wie wir bei GEA Verantwortung verstehen. Menschen und Nachhaltigkeit sind untrennbar miteinander verbunden, und der Bereich People bildet die Grundlage für alles. Denn unsere Mitarbeitenden sind nicht nur Teil des Unternehmens – sie sind das Unternehmen.
Stefan: Der Aufsichtsrat hat dir diesbezüglich ein klares Mandat erteilt.
Nadine: „Machen Sie im Personalwesen das Gleiche, was Sie bei der Nachhaltigkeit getan haben.”
Stefan: Das ist keine Kleinigkeit.
Nadine: Ich nehme diese Herausforderung an, eine klare Zielsetzung und eine strukturierte Strategie zu etablieren und messbare Ergebnisse zu liefern. Für den Bereich ‚People‘ bedeutet das: Wir wollen der attraktivste Arbeitgeber im Maschinen- und Anlagenbau sein. Punkt.

Dr. Nadine Sterley
Chief People & Sustainability Officer, GEA
Stefan: Wie sieht das in der Praxis aus – gerade jetzt in den ersten Monaten?
Nadine: Zuhören, verstehen und dann handeln. Ich verbringe viel Zeit damit, unsere Standorte zu besuchen und mit Teams sowie lokalen Betriebsräten zu sprechen, um mir ein Bild von der Situation aus erster Hand zu machen. Gleichzeitig schärfen wir unsere strategische Agenda: Was genau wollen wir in Bereichen wie Kultur, Arbeitsbedingungen, Führung und Weiterbildungsmöglichkeiten erreichen? Und wie gestalten wir eine moderne, konstruktive Kultur der Mitbestimmung?
Stefan: Guter Punkt. Wie sehen deine Pläne für die Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern aus?
Nadine: Wir wollen echte Partnerschaften aufbauen, die auf gegenseitigem Respekt basieren. Das bedeutet, alle frühzeitig einzubeziehen, offen zu kommunizieren und Herausforderungen gemeinsam konstruktiv anzugehen. Gerade im Umgang mit schwierigen Themen zeigt sich, ob Partnerschaft nur ein Wort ist oder gelebte Realität. Ich bin überzeugt, dass partizipative Zusammenarbeit zu tragfähigeren Entscheidungen führt.
Stefan: Lass‘ uns über unsere Klimaziele sprechen. Wo stehen wir Ende 2025?
Nadine: Die Maßnahmen, die wir in den letzten Jahren ergriffen haben, zeigen deutlich Wirkung. Wir haben unsere Scope-1- und Scope-2-Ziele vorzeitig erreicht und unsere Emissionen um 62 Prozent im Vergleich zu 2019 reduziert. Und das haben wir ohne den Einsatz von Offsets geschafft – stattdessen haben wir uns ausschließlich auf tatsächliche Reduzierungen und Vermeidungen gestützt. Auch bei Scope 3 liegen wir mit einer Reduzierung um 38 Prozent innerhalb unseres Zielbereichs.
Stefan: Das ist eine großartige Leistung, auf die wir stolz sein können. Aber wir sind noch nicht am Ziel.
Nadine: So ist es. Die einfachen Lösungen sind weitgehend ausgeschöpft. Die verbleibenden rund 18 Prozentpunkte bis 2030 werden am schwersten zu erreichen sein, da sie technisch anspruchsvoller sind, höhere Investitionen erfordern und umfangreichere Veränderungen an unserer Gebäudeinfrastruktur notwendig machen.
Stefan: Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Viele Unternehmen sprechen von den ersten 40 oder 50 Prozent. Was wirklich zählt, ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, noch einen Schritt weiterzugehen. Die letzten 20 Prozent erfordern viel Fachwissen, Kapital und Ausdauer – und genau das entscheidet darüber, ob aus Ambitionen eine echte Transformation wird.
Nadine: Wir haben alles, was es dazu braucht. Wir gehen über finanzielle Investitionen hinaus. Wir haben auch die Kultur und die Fähigkeiten entwickelt, die dies ermöglichen – und das bringt uns direkt zurück zu ‚People & Sustainability‘.“

Seit Februar 2019 ist Stefan Klebert Chief Executive Officer (CEO) und Chairman of the Executive Board, dem er seit November 2018 angehört (bestellt bis Dezember 2028).
Er ist für die strategische Gesamtausrichtung und die Geschäftsführung von GEA verantwortlich. Die Division Farm Technologies sowie die strategisch wichtigen Märkte Greater China und Indien berichten direkt an ihn. Zu seinem Aufgabenbereich gehören zudem die Funktionen Group Communications & Brand, GEA Digital, Strategic Sales und Procurement.

Stefan: Der größte Hebel, den wir haben, liegt bei unseren Kunden. Bis 2030 wollen wir mehr als 60 Prozent unseres Umsatzes mit nachhaltigen Lösungen erzielen.
Nadine: Deshalb verbinden wir Nachhaltigkeit und Innovation konsequent miteinander. Heute verfügt jeder Geschäftsbereich über einen Head of Sustainability & Innovation, der Entscheidungen mitgestalten darf und ein tiefes Verständnis für das Geschäft hat. Unser neuer Innovationsprozess berücksichtigt von Beginn an die Aspekte Energieeffizienz, Emissionsintensität und Ressourcennutzung. Er wurde im Jahr 2025 verabschiedet und wird im Jahr 2026 weltweit eingeführt.
Stefan: Für unsere Kunden macht dieser Ansatz einen echten Unterschied. Unternehmen, die heute effizienter produzieren wollen, benötigen mehr als nur einen Maschinenlieferanten. Sie brauchen einen Partner, der den gesamten Prozess versteht und optimieren kann.
Nadine: Genau darin liegt unsere Stärke. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kreislaufwirtschaft. Dazu gehören Systeme, die weniger Ressourcen benötigen, eine längere Nutzungsdauer haben und einfacher zu warten sind. Ergänzt wird dies durch eine gut durchdachte Strategie für das Produktlebensende, die ein einfacheres Recycling und eine einfachere Aufbereitung ermöglicht.
Stefan: Wir haben viel über Klima und Umwelt gesprochen. Für mich war aber ein weiteres großes Highlight des Jahres 2025 die Gründung der GEA Foundation.
Nadine: Ein Meilenstein in unserem sozialen Engagement. Denn wir tragen eine Verantwortung, die über unser Kerngeschäft hinausgeht. Die GEA Foundation arbeitet mit starken Partnern wie UNICEF, SOS-Kinderdorf und Viva con Agua zusammen. So erzielen wir maximale Wirkung. Außerdem haben wir 2025 unser Spendenziel von einem Prozent des Jahresnettogewinns erreicht – insgesamt über vier Millionen Euro!

Stefan Klebert
CEO, GEA
Stefan: Das war mir persönlich sehr wichtig. Es kann einen großen Unterschied machen.
Nadine: Stefan, hier ist eine Frage, die mich interessiert: Nachhaltigkeit gehört nicht mehr zu deinem Aufgabenbereich. Wendest du dich gedanklich anderen Dingen zu?
Stefan: Im Gegenteil. Nachhaltigkeit ist und bleibt ein entscheidender Faktor für den Erfolg von GEA. Ich weiß, dass dieses Thema bei dir in besten Händen ist, aber ich werde weiterhin eng eingebunden bleiben – unter anderem durch mein Engagement bei den CEO Climate Leaders am Weltwirtschaftsforum. Und innerhalb des Vorstands bleibt Nachhaltigkeit eine gemeinsame Verantwortung, zu der wir alle beitragen.
Nadine: Diese gemeinsame Verantwortung wird uns auch bei einem weiteren Schlüsselthema für die Zukunft leiten – einem Thema, das mich derzeit sehr beschäftigt: Künstliche Intelligenz.
Stefan: Wahrscheinlich die grundlegendste Veränderung unserer Zeit.
Nadine: KI hat tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Arbeitsweise und unsere Aufgabenbereiche. Sie hat das Potenzial, jede Position im Unternehmen zu beeinflussen: Produktion, Technik, Vertrieb, Service und Verwaltung.
Stefan: Das verunsichert auch viele Menschen. Sie fragen sich: Was bedeutet das für meinen Arbeitsplatz?
Nadine: Ja. Deshalb werden wir unsere Mitarbeitenden während dieser Transformation mit konkreten Initiativen unterstützen. Ein systematisches Programm zur Weiterqualifizierung und Umschulung steht allen Beschäftigten zur Verfügung. Die GEA Academy spielt dabei eine zentrale Rolle. Unser Ziel ist es, Menschen durch KI zu stärken.
Stefan: Genau deshalb muss KI auf der Agenda der Personalabteilung stehen. Wenn wir das richtig angehen, wird KI als Werkzeug gesehen, das uns unterstützt und befähigt – und nicht als Bedrohung.
Nadine: Das ist die Herausforderung. Technologie allein bringt keinen Wandel. Es sind immer Menschen, die entscheiden, wie sie eingesetzt wird.
Stefan: Zusammenfassend: Woran werden wir Ende 2026 erkennen, ob „People & Sustainability“ erfolgreich angelaufen ist?

Dr. Nadine Sterley
Chief People & Sustainability Officer, GEA
Nadine: Anhand harter Fakten: Ob wir unsere Klimaziele erreichen, ob der Umsatzanteil aus nachhaltigen Lösungen weiter wächst und ob wir messbare Fortschritte in Bezug auf Unternehmenskultur, Mitarbeiterentwicklung und Arbeitgeberattraktivität erzielen, sind entscheidende Fragen.
Stefan: Und darüber hinaus?
Nadine: Wenn sich People & Sustainability wie zwei Seiten derselben Medaille anfühlen – nicht nur im Organigramm, sondern im Alltag.