Jahrzehntelang betrachteten viele internationale Unternehmen China als Produktionsstandort und wichtigen Wachstumsmarkt. Im Interview zeigt Richard Zhang, Leiter des GEA-Geschäfts in China, warum das Land heute weit mehr ist und weshalb Unternehmen globale Expertise mit chinesischer Innovationskraft, Talenten und Marktkenntnis verbinden sollten.
Wenn Menschen in Europa über China sprechen, was unterschätzen sie dabei häufig?
Viele haben wirtschaftlich noch ein Bild von China vor Augen, das vielleicht vor 15 oder 20 Jahren richtig war. Sie sehen ein riesiges Industrieland, einen kostengünstigen Produktionsstandort, eine Exportplattform. Wenn man jedoch Zeit hier verbringt, merkt man, dass sich der Diskurs verändert hat. China ist nach wie vor einer der größten Märkte und einer der größten Industriestandorte der Welt. Zugleich verfügt das Land mittlerweile über enorme Kapazitäten im Ingenieurwesen, investiert viel in Forschung und bringt zahlreiche Innovationen hervor. Deshalb hilft es aus meiner Sicht, kurzfristige Wirtschaftsschlagzeilen von der längerfristigen industriellen Entwicklung des Landes zu trennen. Dann erkennt man einen Markt, der sich auf eine Weise entwickelt, die viele Menschen außerhalb Chinas noch gar nicht richtig erfassen.
Wie entwickelt sich der chinesische Markt?
Am einfachsten lässt sich das durch die Kundenperspektive erklären. Vor 20 Jahren wäre ein chinesischer Kunde vielleicht noch damit zufrieden gewesen, wenn er hört: „Diese Technologie läuft bereits erfolgreich in der Schweiz, Neuseeland, Deutschland und den USA.“ Heute reicht das oft nicht mehr. Kunden wollen wissen, wie sie in China funktioniert – bei ihren Anwendungen, unter ihren Produktionsbedingungen und belegt durch lokale Referenzen. Dieser Wandel spiegelt ein wachsendes Vertrauen in den eigenen Markt wider. Kunden gehen nicht mehr davon aus, dass die besten Lösungen automatisch von woanders kommen. Sie wollen den Nachweis, dass eine Lösung bei ihnen funktioniert.
GEA hat mehr als ein Jahrhundert Ingenieursexpertise. Wie weit trägt einen das in China?
Dieses Know-how ist unverzichtbar, aber es ist nur ein Teil der Gleichung. Unsere Teams in China verstehen die chinesischen Kunden, Anwendungen und Erwartungen extrem gut. Sie wissen, wie der Markt funktioniert und was Kunden hier überzeugt. Die stärksten Lösungen verbinden deshalb beides: Die tiefe Ingenieursexpertise von GEA ist das technologische Fundament. Das chinesische Team bringt seine Marktkenntnis ein und validiert die Lösung vor Ort gemeinsam mit dem Kunden. Die Antwort ist also nicht Europa oder China. Es geht darum, dass beide noch viel enger zusammenarbeiten.

Richard Zhang, Country Managing Director, Greater China, GEA
Oft ist von „China Speed” die Rede. Wie erleben Sie das im Geschäftsalltag?
Dieser Ausdruck wird oft überstrapaziert, hat aber einen wahren Kern. Kunden hier in China agieren hierzulande tatsächlich schnell. Sie erwarten, dass ihre Lieferanten Schritt halten – mit Fachwissen und Entscheidungskompetenz direkt vor Ort. Unsere neue Organisationsstruktur zahlt darauf ein. Seit Januar 2026 berichtet unsere chinesische Organisation direkt an den CEO von GEA. Das verkürzt die Entscheidungswege und gibt uns mehr Handlungsspielraum, um auf den Markt zu reagieren.
Warum das wichtig ist, erlebt man täglich: Wann erhalten wir das Angebot? Wann kann jemand dieses Problem lösen? Solche Fragen kommen von Kunden und unsere Teams tragen sie ins Unternehmen. Viele Kunden verstehen einfach nicht, warum eine Antwort eine Woche dauern soll, wenn die Entscheidung schon morgen getroffen werden könnte. Das ist vermutlich die treffendste Definition von „China Speed“: Kunden denken in Tagen, nicht in Wochen.
„Die Antwort ist also nicht Europa oder China. Es geht darum, dass beide noch viel enger zusammenarbeiten.“

Richard Zhang
Country Managing Director, Greater China, GEA
Was überrascht internationale Gäste, wenn sie an einen GEA-Standort in Suzhou oder Tianjin kommen?
Wie hochmodern und eingespielt die Abläufe sind. Wir fertigen seit vielen Jahren in China, in manchen Bereichen sogar fast seit zwei Jahrzehnten. Das machen wir mit hochqualifizierten Mitarbeitenden, erfahrenen Ingenieurteams und Einrichtungen, die den weltweiten GEA-Standards entsprechen. Viele Besucherinnen und Besucher kommen mit der Erwartung, einen kostengünstigeren Produktionsbetrieb zu sehen. Was sie stattdessen vorfinden, ist eine etablierte Industrieorganisation mit hochkompetenten Teams und einem beachtlichen Produktionsvolumen. Dazu kommen mehr als 200 Ingenieurinnen und Ingenieure für Elektrotechnik und Automatisierung, die ihre lokale Erfahrung in neue Lösungen einbringen.
Sie beschreiben China eher als Innovationsökosystem und nicht als bloßen Markt. Warum?
Wegen der schieren Größe. China macht ungefähr ein Drittel der globalen Industrieproduktion aus. Mehr als fünf Millionen Studierende schließen jedes Jahr ein MINT-Studium ab. Die jährlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung belaufen sich auf Hunderte von Milliarden Euro.
Wenn man Produktionskapazitäten, Ingenieurtalente, Zulieferer, Softwareentwickler, Hochschulen und Technologieunternehmen in diesem Umfang kombiniert, entstehen Innovationen im Handumdrehen. China folgt längst nicht mehr nur den technologischen Entwicklungen in anderen Ländern. In immer mehr Bereichen formt es sie mit. Deshalb sollten Unternehmen China nicht nur als einen Ort sehen, an dem Produkte verkauft oder hergestellt werden können. Das Land kann auch ein Zentrum für Technik und Innovation sein, in dem neue Lösungen entwickelt, erprobt und für eine breitere Nutzung vorbereitet werden.
„Wir fertigen seit vielen Jahren in China, in manchen Bereichen sogar fast seit zwei Jahrzehnten. Das machen wir mit hochqualifizierten Mitarbeitenden, erfahrenen Ingenieurteams und Einrichtungen, die den weltweiten GEA-Standards entsprechen.“

Richard Zhang
Country Managing Director, Greater China, GEA
Wie sieht das in der Praxis aus?
Nehmen wir Robotik. Wir haben vor Kurzem einen großen chinesischen Roboterhersteller besucht, um zu verstehen, wo Roboter für GEA nützlich sein könnten – nicht nur in der Fertigung, auch im Service und dort, wo die Arbeit für Menschen schwierig oder gefährlich ist. Vor Jahren hätte ein Industrieunternehmen, das die Möglichkeiten einer solchen Technologie ausloten will, zuerst woanders geschaut. Aber China installiert mehr als die Hälfte aller Industrieroboter weltweit. So nah an diesen wichtigen Entwicklungen dran zu sein, ist wertvoll: Wir sehen aufkommende Technologien früh, sprechen direkt mit den Entwicklern und beurteilen, wo sie reale Probleme der Industrie lösen können. Das ist ein Beispiel, warum Unternehmen nicht nur beobachten sollten, was China produziert, sondern auch, was es entwickelt.
GEA ist in Deutschland nicht allen ein Begriff. Wie ist das in China?
Das kommt darauf an, wen man fragt. Wenn man Menschen auf der Straße anspricht, haben sie vermutlich noch nicht von uns gehört. Aber unter den führenden chinesischen Unternehmen der Milchwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung oder Getränkeindustrie ist GEA sehr bekannt, weil wir mit vielen von ihnen schon seit Jahrzehnten zusammengearbeitet haben. Unsere Sichtbarkeit hat auch durch lokale Plattformen wie WeChat zugenommen. Manchmal werben Kunden sogar damit, dass sie GEA-Technologien verwenden. Ich habe einmal eine Online-Anzeige für Joghurt gesehen, die einen GEA-Separator gezeigt und darauf hingewiesen hat, dass deutsche Anlagen für die Herstellung genutzt werden. Das fand ich bemerkenswert: Ein Separator arbeitet normalerweise unsichtbar in einer Fabrik und plötzlich war er in einer Anzeige für alltägliche Lebensmittel zu sehen, weil der Hersteller ihn mit Qualität assoziiert. Ein kleines Beispiel – aber es zeigt, wie Industrietechnologie Teil der Geschichte hinter einem Verbraucherprodukt werden kann.
Welche Kundenbeziehungen verdeutlichen die Position von GEA in China am besten?
Die Milchwirtschaft bietet viele gute Beispiele. Yili und Mengniu sind zwei der größten chinesischen Hersteller für Milchprodukte und langjährige GEA-Kunden. Im Besucherzentrum eines Kunden können Gäste die Reise von der Rohmilch bis zum fertigen Produkt verfolgen. Dort sehen sie auch, an welchen Stellen der Produktion GEA-Technologie zum Einsatz kommt.
Noch aussagekräftiger finde ich das enorme Vertrauen. Einige Kunden sind bereit, ein Projekt auf Basis eines Memorandum of Understanding oder einer Absichtserklärung zu starten, während die vertraglichen Details noch ausgearbeitet werden. Ein solches Vertrauen entsteht über viele Jahre hinweg – durch kontinuierlichen Austausch, technische Zusammenarbeit und regelmäßige wechselseitige Besuche. Das ist eine unserer größten Stärken.
„Wir sehen aufkommende Technologien früh, sprechen direkt mit den Entwicklern und beurteilen, wo sie reale Probleme der Industrie lösen können. Das ist ein Beispiel, warum Unternehmen nicht nur beobachten sollten, was China produziert, sondern auch, was es entwickelt.“

Richard Zhang
Country Managing Director, Greater China, GEA
Ist Nachhaltigkeit für Kunden in China ein Kaufkriterium?
Für viele unserer Großkunden ja. Sie haben eigene Nachhaltigkeitsziele und wir merken, dass das Thema immer wichtiger wird. Das ist eine weitere Stärke von GEA: Unsere Technologien können Kunden helfen, ihren Energieverbrauch und ihre CO₂-Emissionen zu senken und gleichzeitig ihre Produktion zu optimieren. Das sind wichtige Kriterien für die Kunden hier.
Wo sehen Sie in den nächsten Jahren die größten Chancen?
Die Lebensmittelverarbeitung bleibt ein weites Feld mit viel Wachstumspotenzial. China muss 1,4 Milliarden Menschen versorgen und die Erwartungen an die Sicherheit und Qualität von Lebensmitteln steigen kontinuierlich. Besonders aufmerksam verfolge ich aber die Pharmaindustrie. China wird zu einem großen Player bei pharmazeutischen Innovationen und der Entwicklung neuer Arzneimittel. Chinesische Pharmatechnologien halten auch zunehmend Einzug in Europa und den USA. In den nächsten zehn Jahren entstehen so große Chancen für Unternehmen, die Technologie und Prozessexpertise für diese Branche liefern. Dabei werden diejenigen profitieren, die sowohl die globale Technologielandschaft als auch die spezifischen Bedürfnisse des chinesischen Marktes verstehen.
Gibt es etwas, was diese Dynamik verlangsamen könnte?
China bleibt einer der größten Märkte der Welt und viele Potenziale sind noch ungenutzt. Der einzige Faktor, den kein Unternehmen kontrollieren kann, ist die Geopolitik. Die industrielle Entwicklung verläuft langfristig, während politische Entscheidungen die Rahmenbedingungen sehr schnell verändern können. Deshalb konzentrieren wir uns auf das, was wir gestalten können: unsere Technologie, unsere Produkte, unsere Investitionen, unsere Kundenbeziehungen. Künstliche Intelligenz wird auch verändern, wie wir neue Produkte entwickeln und validieren. Chinas dynamisches Innovationsökosystem bietet uns die Möglichkeit, schnell zu lernen und zu handeln. Meine Hoffnung ist einfach: dass Zusammenarbeit weiterhin möglich ist und die Märkte offenbleiben. Dann blicke ich sehr optimistisch in die Zukunft.
Welche Botschaft möchten Sie Kolleginnen und Kollegen und Führungskräften außerhalb von China mitgeben?
Bleibt neugierig und zuversichtlich. China hat sich enorm verändert und verändert sich weiter. Dennoch prägen bei vielen Menschen nach wie vor Denkmuster aus vergangenen Jahren den Blick auf das Land. Auf die sollte man nicht vertrauen. Kommt her und schaut euch an, was wirklich passiert. China hat über Jahrzehnte von Europa und den USA gelernt. Heute gibt es viele Felder wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Digitalisierung, in denen der Rest der Welt von China lernen kann. Wenn wir die globale Expertise mit Chinas Geschwindigkeit, Talent und Marktverständnis zusammenbringen, können wir Lösungen in China entwickeln, von denen Kunden auf der ganzen Welt profitieren.





